Die US-Notenbank überrascht zu Weihnachten

RBC BlueBay Asset Management, 22.12.2023

Auf ihrer jüngsten Sitzung deutete die US-Notenbank eine weniger restriktive Haltung an. Mark Dowding, Chief Investment Office bei BlueBay, RBC BlueBay Asset Management, ist erstaunt – und fragt sich, ob die Währungshüter einen Fehler gemacht haben.

Hier sein aktueller Marktkommentar:

Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) überraschte auf der Sitzung des Offenmarktausschusses in dieser Woche mit einer weniger restriktiven Haltung. 2024 wird die Fed die Zinsen voraussichtlich um 75 Basispunkte senken – die Währungshüter sind zuversichtlich, dass sich die Inflation wieder ihrem 2-Prozent-Ziel nähert. Gleichzeitig wird erwartet, dass sich der Arbeitsmarkt weiterhin in der Nähe der Vollbeschäftigung bewegt. Fed-Chef Jerome Powell vermittelte die Botschaft, dass er eine weiche Landung habe herbeizuführen können und damit den Skeptikern getrotzt habe.

Es scheint, als hätten sich die Einschätzungen der Fed in den vergangenen Wochen ziemlich stark verändert – trotz eines zuletzt robusten Arbeitsmarktberichts, solider Einzelhandelsumsätze und einer Kerninflation, die mit 4 Prozent noch immer doppelt so hoch liegt wie der Zielwert.

Interessant ist auch: Die jüngste Lockerung der finanziellen Bedingungen wurde mit keinem Wort erwähnt. Angesichts des Rückgangs der 2-jährigen Renditen um 40 Basispunkte, der Verengung der Spreads und der Allzeithochs an den Aktienmärkten ist es bemerkenswert, dass die Fed bewusst eine weitere wesentliche Lockerung gefördert hat.

Manch einer mag sich fragen, ob die Währungshüter etwas sehen, was andere nicht sehen. Für uns scheint es jedoch so: 18 Monate führte die Fed den Markt an. Nun ist Powell möglicherweise froh, dass der Markt die Fed anführt.

Wir sehen darin zwar Gefahren. Gleichzeitig scheint es aber unklug zu sein, gegen die Märkte zu agieren. Aus der Perspektive der Marktteilnehmer hat die Fed grünes Licht für Risikopapiere gegeben. Es wäre daher nicht überraschend, wenn es bis zum Jahresende und Anfang Januar 2024 zu starken Kursbewegungen käme.

Aus wirtschaftlicher Sicht stellt sich die Frage, ob dies alles zu einer Beschleunigung der Konjunktur führen könnte und nicht zu der von vielen erwarteten Verlangsamung. Außerdem ist es in einem Umfeld mit Höchstständen an den Aktienmärkten und sehr niedriger Arbeitslosigkeit ungewöhnlich, eine Zinssenkung zu signalisieren.

Angesichts der günstigen Vermögenseffekte, des robusten Arbeitsmarktes und der steigenden Einkommen ist darüber hinaus offen, ob die Inflation so schnell wie erhofft zurückgehen wird. Wir bezweifeln, dass die Kerninflation vor der zweiten Hälfte des kommenden Jahres unter 3 Prozent fallen wird.

Man könnte sich fragen, ob der Schwenk der Fed rückblickend als Fehler betrachtet wird, sollte die Inflation weiterhin problematisch sein. In diesem Sinne geht die Fed eine Art Glücksspiel ein.

Die Versuchung, der US-Notenbankchef zu werden, der eine weiche wirtschaftliche Landung hinlegte, scheint für Powell größer zu sein als die Befürchtung, als nächster Arthur Burns in die Geschichte einzugehen – der Fed-Vorsitzende, der die Inflation davonlaufen ließ.

Die Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) enthielt weniger Überraschungen als die der Fed. Der EZB-Rat hat sich angesichts der Verlangsamung des Wachstums und des Rückgangs der Inflation in eine etwas weniger restriktive Richtung bewegt. Das spiegelte sich auch in den jüngsten Kommentaren von Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel wider.

Wir gehen jedoch davon aus, dass der Verbraucherpreisindex bis ins neue Jahr hinein ansteigen wird. Daher denken wir, dass die EZB erst in der zweiten Jahreshälfte 2024 die Zinsen wird senken können. Im Vergleich zur Fed sehen wir die EZB in Bezug auf ihr Inflationsziel von 2 Prozent disziplinierter und spüren eine gewisse Nervosität, dass der Großteil der guten Nachrichten über die rückläufige Inflation nun hinter uns liegt. Dennoch sind die Renditen 10-jähriger Bundesanleihen auf 2 Prozent gesunken.

Niedrigere absolute Renditen haben dazu beigetragen, dass sich auch die Spreads der Peripherieländer verengt haben.

Im Hinblick auf die vergangene Woche hatte man das Gefühl, dass sie ein Katalysator für erhebliche Marktbewegungen sein könnte. Das war schließlich auch der Fall. Rückblickend war unsere Einschätzung der Federal Reserve falsch und wir waren daher in Bezug auf die Zinsduration zu defensiv.

Kurzfristig könnten sich die Spreads bei Staats- und Unternehmensanleihen im Zuge einer breit angelegten Jahresendrallye bei Risikoanlagen einengen. Wir sind jedoch vorsichtig, einer zu starken Bewegung hinterherzulaufen oder Engagements auf unattraktiven Niveaus einzugehen.“

 

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